Fachberichte·23. Oktober 2026·Ausgabe 10/2026

Tradition allein sichert die Zukunft freiwilliger Feuerwehren nicht. In seiner Masterarbeit untersucht Benjamin Koraimann, wie neue Mitglieder gewonnen werden können und warum persönliche Ansprache, frühe Begegnungen und eine offene Organisationskultur entscheidend sind.

Die Tore stehen offen, die Fahrzeuge sind herausgeputzt, das Programm ist vorbereitet. Beim Tag der offenen Tür kommen Familien, Kinder bestaunen die Technik, Erwachsene führen Gespräche. Doch wenn die Veranstaltung endet, bleibt vielerorts dieselbe Frage zurück: Wie wird aus Interesse tatsächlich eine Mitgliedschaft? Lange Zeit musste sich die Feuerwehr um diese Frage kaum kümmern. Wer in einer Feuerwehrfamilie aufwuchs, fand häufig ganz selbstverständlich den Weg in die Jugendgruppe oder den Aktivstand. Freunde nahmen Freunde mit, das Feuerwehrhaus gehörte zum Dorfleben, und die nächste Generation rückte nach. Diese Wege tragen noch immer; doch sie sind nicht mehr selbstverständlich. Junge Menschen ziehen zum Studium weg, Arbeitsplätze liegen außerhalb des Wohnortes, Freizeitangebote werden vielfältiger und langfristige Verpflichtungen kritischer geprüft. Mitgliedergewinnung geschieht daher immer seltener von selbst. Sie muss aktiv gestaltet werden.

Forschung mit Blick auf die Praxis. Genau an diesem Punkt setzt die Masterarbeit von Benjamin Koraimann an. Sie untersucht, welche gesellschaftlichen, strukturellen und organisatorischen Faktoren die Mitgliedergewinnung in den freiwilligen Feuerwehren Kärntens beeinflussen und wie diese gezielt bearbeitet werden können. Grundlage sind eine umfassende Literaturanalyse und sieben leitfadengestützte Experteninterviews. Befragt wurden Personen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Funktionen im Feuerwehrwesen; ausgewertet wurden die Gespräche mittels qualitativer Inhaltsanalyse. Die Ergebnisse reichen über Kärnten hinaus. Denn Abwanderung, Pendelverkehr, veränderte Arbeitszeiten, neue Erwartungen an Führung und ein wachsender Wettbewerb um freie Zeit betreffen freiwillige Feuerwehren in ganz Österreich. Die zentrale Erkenntnis lautet: Erfolgreiche Mitgliedergewinnung hängt weniger von einer einzelnen Werbeaktion ab als von der Passung zwischen den Lebensrealitäten möglicher Mitglieder und den Angeboten der Feuerwehr.

Tradition allein reicht nicht. Familie und Freundeskreis sind weiterhin die wichtigsten Türöffner. Viele Mitglieder erleben ihren ersten Kontakt zur Feuerwehr über Eltern, Großeltern oder Bekannte. Gerade im ländlichen Raum bilden diese Netzwerke ein stabiles Fundament. Doch die automatische Nachfolge innerhalb einer Familie wird seltener. In Städten und Zuzugsgemeinden greifen traditionelle Rekrutierungswege noch weniger, weil persönliche Bindungen an den Ort und die örtliche Feuerwehr vielfach erst entstehen müssen. Damit verändert sich die Aufgabe der Feuerwehren: Sie dürfen nicht nur darauf warten, dass Interessierte von selbst anklopfen. Zugezogene, Menschen ohne Feuerwehrbezug und bislang wenig erreichte Bevölkerungsgruppen müssen bewusst angesprochen werden. Persönliche Einladungen, Gespräche bei Gemeindeveranstaltungen, Hausbesuche oder niederschwellige Kennenlernangebote können jene Brücke schaffen, die familiäre Tradition früher automatisch gebildet hat.

Frühzünder. Es ist eine seit Langem bekannte Erkenntnis, dass der nachhaltigste Weg zu neuen Mitgliedern über die Feuerwehrjugend führt. Wer früh Gemeinschaft erlebt, feuerwehrfachliche Fähigkeiten erwirbt und Verantwortung übernehmen darf, entwickelt häufig eine langfristige Bindung. Erfolgreiche Nachwuchsarbeit beginnt jedoch nicht erst mit dem formellen Eintritt. Besuche in Kindergärten und Schulen, Brandschutzerziehung, Ferienprogramme und praktische Erlebnistage schaffen erste positive Berührungspunkte – oft Jahre bevor eine Mitgliedschaft möglich wird.

Entscheidend ist dabei die Kontinuität. Ein einmaliger Aktionstag erzeugt Aufmerksamkeit, aber noch keine verlässliche Nachwuchspipeline. Wirkung entsteht, wenn Feuerwehren regelmäßig präsent sind, Kontakte pflegen und Kindern wie Jugendlichen altersgerechte Möglichkeiten bieten, die Organisation kennenzulernen. Gleichzeitig braucht es Lösungen für jene Brüche, die nach der Jugendfeuerwehr entstehen: Ausbildung, Studium, Präsenz- oder Zivildienst und der Umzug in eine andere Gemeinde dürfen nicht automatisch das Ende des Engagements bedeuten.

Persönliche Einladung. Social Media, Plakate und Kampagnen schaffen Reichweite. Den entscheidenden Schritt zur Mitgliedschaft löst jedoch häufig ein Mensch aus. Die direkte, glaubwürdige Einladung durch ein bestehendes Mitglied senkt Hemmschwellen und vermittelt ein realistisches Bild davon, was Feuerwehr bedeutet. Besonders wirksam ist sie, wenn nicht nur pauschal um „neue Leute“ geworben wird, sondern Interessen und Fähigkeiten konkret angesprochen werden. Neben dem Einsatzdienst benötigen Feuerwehren technisches Know-how, Verwaltung, Öffentlichkeitsarbeit, Jugendarbeit, Veranstaltungsorganisation und viele weitere Kompetenzen. Flexible oder unterstützende Formen der Mitarbeit können Menschen erreichen, deren Zeitbudget oder Lebenssituation eine klassische Vollmitgliedschaft zunächst nicht zulässt. Wer einen passenden Einstieg findet, kann später weitere Verantwortung übernehmen.

Sichtbarkeit braucht Professionalität. Digitale Kommunikation ist für die Ansprache jüngerer Zielgruppen unverzichtbar. Eine veraltete Website oder ein über Monate unbetreuter Social-Media-Auftritt vermittelt jedoch unbeabsichtigt Stillstand. Gefragt sind aktuelle, authentische Einblicke in Ausbildung, Technik, Gemeinschaft und gesellschaftliche Wirkung. Die Feuerwehr muss zeigen, was Menschen bei ihr lernen, bewirken und erleben können. Unbedachte Einsatzbilder, missverständliche Darstellungen oder ein öffentlicher Wettbewerb um Aufmerksamkeit können Vertrauen beschädigen. Professionelle Öffentlichkeitsarbeit schützt Betroffene und Angehörige, wahrt Datenschutz und stärkt zugleich das Bild einer kompetenten Einsatzorganisation. Sichtbare Kameradschaft gehört dazu – sie sollte jedoch stets gemeinsam mit Verantwortung, Können und Respekt vermittelt werden.

Moderne Führung in der Feuerwehr. Die Studie zeigt einen deutlichen Wandel der Erwartungen. Viele junge Menschen wollen verstehen, warum Entscheidungen getroffen werden, eigene Ideen einbringen und ihre Zeit sinnvoll einsetzen. Das steht nicht im Widerspruch zu klaren Führungsstrukturen im Einsatz. Vielmehr braucht es eine doppelte Führungslogik: In der akuten Gefahrenabwehr gelten eindeutige Befehls- und Entscheidungswege; im Übungs-, Ausbildungs- und Vereinsalltag sollen Dialog, Beteiligung und nachvollziehbare Entscheidungen Raum erhalten. Auch die Qualität der Übungen beeinflusst, ob Interessierte bleiben und Mitglieder weitere Personen ansprechen. Abwechslungsreiche, praxisnahe Ausbildung vermittelt Kompetenz und Sinn. Monotone Abläufe, fehlendes Feedback oder eine Kultur des „Das war immer schon so“ schwächen hingegen die Attraktivität. Mitgliedergewinnung beginnt damit auch im Inneren der Organisation: Nur wer die eigene Feuerwehr positiv erlebt, wird glaubwürdig für sie werben.

Willkommenskultur. Frauen sind in vielen Feuerwehren längst selbstverständlicher Teil von Ausbildung und Einsatz. Dennoch zeigen die Interviews, dass einzelne kulturelle Barrieren fortbestehen. Ähnliches gilt für Menschen mit Migrationsgeschichte, Zugezogene oder Personen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen. Wer den Kreis möglicher Mitglieder erweitern will, muss Gleichwertigkeit nicht nur erklären, sondern im Alltag leben. Sprachkenntnisse und fachliche Eignung bleiben im Einsatz notwendige Voraussetzungen. Sie dürfen jedoch nicht als pauschale Ausschlussgründe dienen. Mentoring, zielgerichtete Ausbildung und klare Rollenprofile können Zugänge erleichtern. Mehrsprachigkeit kann sogar eine wertvolle Ressource sein. Vielfalt stärkt die Feuerwehr allerdings nur dann, wenn neue Mitglieder nicht bloß symbolisch aufgenommen, sondern wirksam in Mannschaft und Aufgaben eingebunden werden.

Progressive Personalplanung. Eine der größten strukturellen Herausforderungen ist die Verfügbarkeit während des Tages. Viele Mitglieder pendeln zur Arbeit und fehlen genau dann, wenn ein Alarm eingeht. Umgekehrt halten sich potenzielle Einsatzkräfte tagsüber in einer Gemeinde auf, der sie organisatorisch nicht zugeordnet sind. Modelle wie Gastmitgliedschaften, Kooperationen zwischen Feuerwehren und Vereinbarungen mit Arbeitgebern können helfen, vorhandene Kräfte dort nutzbar zu machen, wo sie tatsächlich verfügbar sind. Feuerwehren sollten nicht nur ihre Mitgliederzahl betrachten, sondern auch Altersstruktur, Tagesverfügbarkeit, Qualifikationen und absehbare Funktionswechsel. Erst diese Analyse zeigt, wo tatsächlich Lücken entstehen. Auf dieser Grundlage lassen sich Zielgruppen gezielt ansprechen, Ausbildungsschwerpunkte setzen und Nachfolger schrittweise an Verantwortung heranführen. Aus der Untersuchung ergeben sich vier miteinander verbundene Handlungsebenen: Übergeordnete Kampagnen schaffen Aufmerksamkeit und stellen professionelles Material bereit. Vorausschauende Personalplanung macht den tatsächlichen Bedarf sichtbar. Proaktive Integrationsarbeit erschließt neue Zielgruppen. Eine positive, wertschätzende „Vereinskultur“ sorgt schließlich dafür, dass aus einem Erstkontakt dauerhaftes Engagement werden kann.

Fazit. Für die einzelne Feuerwehr bedeutet das: Mitgliedergewinnung ist keine Aufgabe, die einmal im Jahr mit einem Aktionstag erledigt wird. Sie beginnt bei der eigenen Kultur, setzt sich in jeder Begegnung mit der Bevölkerung fort und braucht klare Zuständigkeiten:

• Wer soll angesprochen werden?

• Welche Fähigkeiten fehlen?

• Welche Einstiegsmöglichkeiten gibt es?

• Wer begleitet Interessierte in den ersten Monaten?

• Und wie wird aus Neugier Zugehörigkeit?

Die Zukunft der freiwilligen Feuerwehren entscheidet sich nicht erst beim nächsten Alarm. Sie entscheidet sich lange zuvor: im Kindergarten, im Gespräch am Gartenzaun, bei einer attraktiven Übung, auf dem Social-Media-Kanal oder beim ersten Schritt durch das Feuerwehrhaus.

Tradition bleibt dabei ein wertvolles Fundament. Doch sie trägt nur dann in die Zukunft, wenn aus Herkunft Offenheit und aus Sichtbarkeit persönliche Einladung wird. Denn neue Mitglieder kommen selten zufällig. Sie kommen, wenn Feuerwehr Menschen erreicht – und ihnen einen Platz gibt, an dem sie gebraucht.