Wohin mit all den Verletzten?
Brandkatastrophen wie in Crans-Montana verdeutlichen die Grenzen nationaler Behandlungskapazitäten und die Bedeutung internationaler Zusammenarbeit bei der Versorgung vom Brandverletzten.

Brandverletzte Patientinnen und Patienten benötigen eine besonders spezialisierte medizinische Betreuung, die nicht überall verfügbar ist. Studien zeigen, dass die Behandlung in dafür vorgesehenen Zentren die Überlebenschancen deutlich erhöht und langfristig bessere Behandlungsergebnisse ermöglicht. Damit auf Ereignisse mit vielen Brandverletzten rasch reagiert werden kann, braucht es ausreichend finanzierte, gut ausgestattete und qualitätsgesicherte Spezialzentren. Gleichzeitig bringen solche Großschadensereignisse selbst gut funktionierende Gesundheitssysteme schnell an ihre Grenzen. Da Brände mit vielen Verletzten vergleichsweise selten sind, ist es aufwendig und teuer, diese Strukturen dauerhaft bereitzuhalten. Erfahrungen aus der Vergangenheit zeigen jedoch klar: Fehlt die entsprechende Vorbereitung, entstehen im Ernstfall gravierende Versorgungslücken.
Wenn Standards auf Ressourcen treffen. Bei Katastrophen mit vielen Brandverletzten klafft oft eine Lücke zwischen dem, was medizinisch wünschenswert wäre, und dem, was tatsächlich zur Verfügung steht. Diese sogenannte Ressourcenlücke kann dazu führen, dass gewohnte Versorgungsstandards nicht mehr eingehalten werden können und Erwartungen von Betroffenen und Öffentlichkeit unerfüllt bleiben. In der Vergangenheit wurde in solchen Situationen teils der formale Krisenfall ausgerufen, wodurch reguläre medizinische Standards außer Kraft gesetzt wurden. Dieses Denken – vereinfacht nach dem Motto „Alles ist besser als nichts“ – hat sich jedoch als problematisch erwiesen. Spätestens nach dem Erdbeben in Haiti 2010 wurde deutlich, dass dies zu erheblichen Qualitätseinbußen in der Versorgung führen kann. Als Reaktion darauf hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit der Initiative der Emergency Medical Teams (EMT) verbindliche Mindeststandards für medizinische Hilfe in Katastrophensituationen eingeführt. Ziel ist es, auch unter extremen Bedingungen eine strukturierte Versorgung sicherzustellen und die bestmögliche Behandlung im Rahmen der vorhandenen Möglichkeiten zu gewährleisten.
Internationale Erfahrungen und europäische Realität. Erfahrungen aus Brandkatastrophen mit vielen Verletzten weltweit zeigen, dass gut strukturierte Einsatzund Versorgungskonzepte entscheidend sind. Ein positives Beispiel ist ein Großereignis in Taiwan im Jahr 2016: Dank funktionierender Logistik und klarer medizinischer Koordination konnten dort selbst bei einer hohen Zahl von Brandverletzten weitgehend die üblichen Versorgungsstandards eingehalten werden. Auf Basis solcher Erkenntnisse veröffentlichte auch die WHO Empfehlungen für den Umgang mit Brandkatastrophen. Im Mittelpunkt stehen dabei eine strukturierte Triage, eine möglichst frühe fachärztliche Beurteilung sowie die gezielte Unterstützung jener Krankenhäuser, die als erste Patienten aufnehmen, durch spezialisierte, rasch verfügbare Brandreaktionsteams. Europa verfügt grundsätzlich über umfangreiche Ressourcen und hohe fachliche Kompetenz in der Brandverletztenversorgung. Die vorhandenen Kapazitäten spezialisierter Zentren würden es erlauben, auch größere Schadensereignisse auf hohem Niveau zu bewältigen – allerdings nur dann, wenn die Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg koordiniert erfolgt. Einzelne Staaten stoßen bei solchen Szenarien rasch an ihre Grenzen.
Der Wendepunkt: Lernen aus Katastrophen. Brandkatastrophen führten in der Vergangenheit immer wieder dazu, dass nationale Katastrophenschutzpläne angepasst und verbessert wurden. Ein bekanntes Beispiel ist das Unglück von Volendam im Jahr 2001, das in mehreren Ländern eine Überarbeitung bestehender Vorbereitungsstrategien auslöste. Dennoch fehlte lange Zeit ein gemeinsamer europäischer Ansatz, der speziell auf Ereignisse mit vielen Brandverletzten ausgerichtet war. Ein prägendes Ereignis war der Brand im Nachtclub „Colectiv“ in Bukarest. Rumänien war damals mit einer großen Zahl schwer brandverletzter Menschen konfrontiert, verfügte jedoch über keine strukturierte Möglichkeit, gezielt internationale Unterstützung für die spezialisierte Brandversorgung anzufordern. Zwar kam es schließlich zu Verlegungen in andere Länder, diese mussten jedoch über aufwendige Einzelabsprachen organisiert werden, wodurch wertvolle Zeit verloren ging. Auch Österreich war in die Versorgung eingebunden, Patienten wurden unter anderem nach Graz und Wien gebracht. Dieses Ereignis machte deutlich, dass es in Europa an geeigneten Instrumenten, klaren Abläufen und abgestimmten Koordinationsmechanismen fehlte, um betroffene Staaten bei Massenanfallereignissen mit Brandverletzten rasch und effizient zu unterstützen.
Ein europäischer Einsatzplan entsteht. Als Konsequenz aus diesen Erfahrungen wurde im Rahmen des Katastrophenschutzmechanismus der Europäischen Union (UCPM) ein eigener europäischer Einsatzplan für Ereignisse mit vielen Brandverletzten entwickelt. In enger Zusammenarbeit mit der European Burns Association (EBA) und ihrer Katastrophenarbeitsgruppe entstand ein strukturierter Plan, der medizinische und organisatorische Maßnahmen miteinander verbindet. Ziel dieses Einsatzplans ist es, möglichst vielen Brandverletzten eine bestmögliche Behandlung zu ermöglichen und gleichzeitig jene Länder zu entlasten, deren nationale Versorgungskapazitäten überschritten werden. Aktiviert wird der Plan auf formellen Antrag des betroffenen Staates oder relevanter internationaler Organisationen, etwa der WHO. Die Verantwortung für die Einsatzführung am Schadensort sowie für die nationale Koordination bleibt dabei stets beim betroffenen Land.
Aktivierung des UCPM-Plans für Brandverletzungen. Kommt es zu einem Massenanfall von Brandverletzten, aktiviert das betroffene Land zunächst seinen nationalen Krisenplan. Reichen die eigenen Kapazitäten nicht aus, kann über ein offizielles Hilfeersuchen der europäische Katastrophenschutzmechanismus (UCPM) aktiviert werden. Das europäische Koordinationszentrum ERCC informiert daraufhin die Katastrophenschutzbehörden der teilnehmenden Staaten, die verfügbare Unterstützung melden. Erst nach Annahme dieses Unterstützungsangebots durch das betroffene Land wird die Hilfe wirksam.
Koordination. Nach Eingang eines Hilfeersuchens übernimmt das European Emergency Response Coordination Centre (ERCC) die Koordination innerhalb des Katastrophenschutzmechanismus der EU. Über das ERCC werden andere Mitglied- und teilnehmende Staaten informiert und um Unterstützung ersucht. Diese kann in unterschiedlicher Form erfolgen: durch entsendbare Brandbewertungsteams (Burn Assessment Teams, BAT), durch medizinische Evakuierungskapazitäten per Luft oder Boden sowie durch freie Behandlungskapazitäten in spezialisierten Brandverletztenzentren. Die anbietenden Staaten geben dabei an, ob ihre Zentren über international anerkannte Qualitätszertifizierungen verfügen, etwa eine Verifizierung durch die European Burns Association (EBA). In Österreich sind die beiden großen Brandverletztenzentren in Graz und Wien EBA-verifiziert.
Brandbewertungsteams und medizinische Evakuierung. Ein zentrales Element des europäischen Einsatzplans sind die sogenannten Brandbewertungsteams (Burn Assessment Teams, BAT). Diese bestehen aus einem Koordinationsexperten, zwei Fachärzten mit Expertise in der Brandverletztenversorgung sowie einer spezialisierten Pflegefachkraft. Ihre Aufgabe ist die fachliche Beurteilung von Brandverletzten, die zunächst in nicht spezialisierten Krankenhäusern aufgenommen wurden. Auf Basis dieser Einschätzung geben die Teams strukturierte Empfehlungen zur Triage, zur Transportfähigkeit der Patienten, zum notwendigen Versorgungsniveau während des Transports und am Zielort sowie zur Priorisierung von Verlegungen ab. Die endgültige Entscheidung über medizinische Evakuierungen liegt dabei stets beim betroffenen Land. Die Durchführung erfolgt mit nationalen und internationalen Ressourcen unter Koordination des ERCC.
Qualitätssicherung und offene Herausforderungen. Eine funktionierende internationale Zusammenarbeit setzt Vertrauen in die Qualität der aufnehmenden Brandverletztenzentren voraus. Zwar werden diese Zentren auf nationaler Ebene regelmäßig überprüft, verpflichtende einheitliche Standards auf europäischer Ebene gibt es jedoch bislang nicht. Das Verifizierungsprogramm der European Burns Association (EBA) ist derzeit das einzige paneuropäische Instrument zur Qualitätssicherung – die Teilnahme daran erfolgt jedoch auf freiwilliger Basis. Darüber hinaus bestehen weiterhin Herausforderungen. Dazu zählen vor allem die sichere elektronische Erfassung und Weitergabe von Patientendaten, einheitliche operative Abläufe sowie rechtliche Fragen zu Haftung, Zulassung und Kostenübernahme bei grenzüberschreitenden Behandlungen. Auch regelmäßige Schulungen und Übungen der beteiligten Teams sind entscheidend, um im Ernstfall rasch und koordiniert handeln zu können.
Fazit. Der europäische Einsatzplan für Brandverletzten-Massenanfälle ist ein wichtiger Schritt, um die medizinische Versorgung bei Großschadensereignissen in Europa zu verbessern. Er schafft erstmals einen strukturierten Rahmen für koordinierte und qualitätsgesicherte Zusammenarbeit zwischen den Staaten. Damit dieser Ansatz im Ernstfall funktioniert, braucht es jedoch weitere gemeinsame Standards, klare rechtliche Grundlagen, verlässliche digitale Systeme sowie regelmäßige Ausbildung und Übung. Nur durch ein abgestimmtes europäisches Vorgehen lässt sich auch in Ausnahmesituationen eine hochwertige Versorgung sicherstellen.

